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Kapitel 2: Entwicklungen in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten

Author(s):
International Monetary Fund
Published Date:
October 2009
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In der Folge der schweren Finanzkrise, die 2007 an den Märkten der fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihren Anfang nahm, sank die Weltwirtschaft 2008-09 in die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg.4 Zwar hatte der IWF im Jahresbericht 2008 die Risiken der sich ausbreitenden Finanzkrise herausgestellt, doch schritt die Krise während des Geschäftsjahres 2009 schneller und weiter voran als erwartet – trotz intensiver Politikbestrebungen in maßgeblichen Volkswirtschaften. Schwellenländer und einkommensschwache Länder, die hypothekenbasierten Vermögenswerten der USA nur wenig ausgesetzt und dadurch zunächst relativ geschützt waren vor den finanziellen Schwierigkeiten, wurden schließlich in den Strudel mit hineingezogen, als die internationalen Kreditmärkte, die Handelsfinanz und viele ausländische Devisenmärkte ebenfalls stark unter Druck gerieten.

Dieser erhöhte Finanzstress führte im GJ 2009 zu einer bisher beispiellosen globalen Kontraktion von Produktion und Handel, über verschiedene Kanäle übertragen. Die Auswirkungen der Kreditknappheit und des Preissturzes bei den Vermögenswerten wurden über die Bankensysteme in kürzester Zeit an viele Sektoren und Länder in der Weltwirtschaft weitergeleitet und durch den Zusammenbruch des Vertrauens aufseiten der Verbraucher und Unternehmen noch verstärkt. Weitreichende und manchmal ungewöhnliche Politikmaßnahmen erzielten bei der Stabilisierung der Märkte im GJ 2009 einige Fortschritte, wenn sie auch den Kreislauf der negativen Rückkopplung zwischen zunehmender finanzieller Belastung und abschwächender Wirtschaftstätigkeit nicht aufhalten konnten.

Wirtschaftstätigkeit und Warenhandel stürzten im letzten Quartal 2008 in allen Märkten ab und setzten Anfang 2009 ihre rasante Talfahrt fort. Das globale BIP schrumpfte im vierten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 um mehr als 6 Prozent (annualisiert). Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften litten erheblich unter den finanziellen Belastungen und der Verschlechterung des Wohnungsmarkts. Die Schwellenländer Europas und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, die die Ankurbelung ihres Wachstums im Wesentlichen durch Kapitalzuflüsse betrieben hatten, mussten über die Finanzkanäle schon früh erhebliche Schäden hinnehmen. Länder mit starker Exportabhängigkeit auf dem Fertigungssektor, wie die Länder Ostasiens, Japan, Deutschland und Brasilien, wurden durch die nachlassende Nachfrage auf den Exportmärkten schwer getroffen. Ländern in Afrika, Lateinamerika und im Nahen Osten machten die absackenden Rohstoffpreise, das Nachlassen der Exportnachfrage sowie der geringere Umfang an Überweisungen und ausländischen Kapitalzuflüssen zu schaffen.

Eine scharfe Korrektur im dritten Quartal 2008 setzte denn auch dem Boom der Rohstoffpreise ein Ende. Der Rohstoffpreisindex des IWF ging in der zweiten Jahreshälfte 2008 um fast 55 Prozent zurück. Dieser Preissturz reflektierte hauptsächlich die negativen Auswirkungen der weltweit gesunkenen Nachfrage nach Rohstoffen. Vor allem der unerwartet starke Abschwung Mitte 2008 in den aufstrebenden und weniger entwickelten Volkswirtschaften – die in erster Linie für den Nachfrageanstieg während des Booms verantwortlich waren – erwies sich als Schlüsselfaktor für den Rückgang der Rohstoffpreise. Ende 2008 stabilisierten sich die Preise allgemein.

Rohstoffe, die eng mit der Fertigung von Investitionsgütern verknüpft sind, waren am stärksten betroffen, während Rohstoffe mit einer geringeren Einkommenselastizität der Nachfrage, wie Nahrungsmittel, einen milderen Preisrückgang verzeichneten.

In den meisten Regionen der Welt ließ der Inflationsdruck rasch nach, und die zunehmende wirtschaftliche Erschlaffung hielt den Preisdruck in Grenzen. Die Gesamtinflation fiel Anfang 2009 in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften unter 1 Prozent. In den Schwellenländern ließ die Inflation spürbar nach, wobei allerdings sinkende Wechselkurse in einigen Fällen den Abwärts-trend verringerten.

In dieser Lage wurden nationale und internationale Politikmaß-nahmen ergriffen, um eine koordinierte Politikantwort zur Stabilisierung des Finanzsystems auf den Weg zu bringen. Der IWF spielte gemeinsam mit der Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken eine nützliche Rolle, indem er mehr Finanzierungen mit auf den Beginn der Periode konzentrierten Auszahlungen und verschlankter Konditionalität bereitstellte. Der Fonds ergriff Maßnahmen zur Modernisierung seiner Kreditvergabeinstrumente (siehe Kapitel 3), darunter die Einrichtung der neuen Flexiblen Kreditlinie (Flexible Credit Line – FCL), um die Konditionen für Programmdarlehen zu modernisieren und seine Kreditvergabekapazität auszuweiten.

Fortgeschrittene Volkswirtschaften

Die Situation in den fortgeschrittenen Wirtschaftsnationen verschlechterte sich dramatisch mit der Zahlungsunfähigkeit einer großen amerikanischen Investmentbank (Lehman Brothers) im September 2008, mit der öffentlichen Unterstützung der größten Versicherungsgesellschaft in den USA (AIG) und mit der Intervention bei vielen weiteren systemischen Institutionen in den Vereinigten Staaten und Europa. Diese Ereignisse zogen die Solvenz vieler etablierter Finanzinstitutionen in Zweifel. Infolgedessen löste sich das Wholesale Funding in Luft auf, schlossen die Märkte für Auslandsschulden und es entstand eine ungeordnete Bereinigung der Fremdverschuldung im Rest des globalen Finanzsystems. Globale Bruttogeldströme gingen zurück, wobei die Geldströme Länder mit liquideren, sicheren Märkten bevorzugten. Infolgedessen stiegen der US-Dollar und der Yen in der zweiten Jahreshälfte real effektiv gesehen rapide, während der Euro allgemein stabil blieb.

Ein Maklerbüro preist Listen mit Immobilien-Zwangsversteigerungen an, Stroudsburg, Pennsylvania, USA.

Die Finanzmärkte hatten sich Ende 2008 stabilisiert, sie blieben aber in den restlichen Monaten des Geschäftsjahres 2009 unter Stress. Viele Kapitalmärkte lagen weiterhin mehr als 40 Prozent unter ihren Spitzenwerten. Nach Jahren der Schuldenanhäufung in Rekordhöhe begannen Finanzinstitutionen und Haushalte nun mit dem schmerzhaften Abbau der Fremdverschuldung. Den Anlass dazu gaben die steigenden Wertabschreibungen der Banken bei sinkender Darlehensqualität sowie die Umkehr der intertemporalen Sparentscheidungen von Haushalten und einigen Unternehmen. Viele Elemente des „Schatten-Banken-systems“, die auf hoher Fremdverschuldung beruhten, began-nen sich aufzulösen. Der aus diesem Zyklus des Deleveraging resultierende Finanzdruck war weit verbreitet und anhaltend und reflektierte die negativen Auswirkungen der Rückkopplungsschlaufe zur Realwirtschaft. Während die Produktion zurückging, dehnte das Risiko einer steigenden Zahlungsunfähigkeit der Privathaushalte und Unternehmen die Kreditspannen aus und ließ die kreditbedingten Verluste in den Bilanzen der Banken ansteigen. Im vierten Quartal 2008 erlebten die fortgeschrittenen Volkswirtschaften einen bisher beispiellosen Produktionsrückgang von 7

Prozent (annualisiert).

Die Politikreaktionen im Lauf des Jahres waren schnell und umfassend, konnten die Abwärtsspirale allerdings nicht aufhalten. Die Länderbehörden verfolgten facettenreiche Strategien, wie etwa die fortgesetzte Bereitstellung von Liquidität, erweiterte Bürgschaften für Bankverbindlichkeiten, öffentliche Kapitalspritzen zur Kapitalisierung der Banken sowie Programme, die sich mit notleidenden Aktiva befassen. Einigen dieser Politikmaßnahmen fehlte es jedoch – vor allem im Hinblick auf die Handhabung zweifelhafter Aktiva – am Detail, weil sie übereilt waren, und so gelang es ihnen zunächst nicht, die Unsicherheit über notleidende Aktiva abzubauen. Zentralbanken setzten konventionelle und unkonventionelle Politikinstrumente zur Erleichterung der Konditionen auf den Kreditmärkten ein und senkten ihre Leitzinsen so stark wie noch nie zuvor, aber das Gesamtkreditwachstum ging dennoch zurück. Große diskretionäre Konjunkturpakete wurden in China, Deutschland, Japan, Korea, im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten auf den Weg gebracht. Die Auswirkungen der gestiegenen Ausgaben werden in der Hauptsache jedoch erst Ende 2009 und im Jahr 2010 zu spüren sein.

In den Vereinigten Staaten verursachte die größte Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise eine tiefe Rezession. Die Kreditbeschränkung verschärfte sich und die Preise für Vermögenswerte fielen weiter. Große Unsicherheit, hohe Vermögensverluste und geringere Verdienstaussichten drückten die Zuversicht der Verbraucher auf ein Rekordtief und verursachten einen gewaltigen Sprung bei den Sparquoten. Auf Grund des niedrigen Verbrauchs ging das reale BIP im vierten Quartal 2008 um mehr als 6 Prozent und im ersten Quartal 2009 um 5,7 Prozent zurück, während die Arbeitslosenquote auf 8,5 Prozent kletterte.

Reihenweise Autoimporte an einem Hafen, Vereinigtes Königreich.

In Europa erlitten die Finanzsysteme einen weitaus größeren und nachhaltigeren Schock als erwartet, die makroökonomische Politik reagierte im Allgemeinen langsam, und die Zuversicht sank rapide, als Haushalte wie Unternehmen ihre Tätigkeit drastisch drosselten. Die Exposition gegenüber US-basierten Aktiva hatte wegen der engen Verknüpfungen zwischen den größten Finanzinstitutionen Europas und ihres hohen Grads an Fremdverschuldung schwerwiegende Auswirkungen auf das Bankensystem. Die meisten fortgeschrittenen Länder erlitten im GJ 2009 einen starken Abschwung.

In Asien waren die fortgeschrittenen Volkswirtschaften am stärksten betroffen, weil sie vor allem bei den Konsumgütern anfälliger gegenüber dem Nachfragerückgang aus dem Ausland sind. Die japanische Wirtschaft ging im vierten Quartal 2008 um annualisierte 14 Prozent zurück, wobei die Stärke des Yen und die vergleichsweise engeren Kreditkonditionen die Probleme auf dem Exportsektor noch verschärften. In einigen Regionen Asiens zeigten sich 2009 jedoch bescheidene Anzeichen der Erholung.

Weitere fortgeschrittene Volkswirtschaften wie Kanada, Australien und Neuseeland sahen sich widrigen Terms-of-Trade-Schocks, den Auswirkungen eines gewaltigen Rückgangs an Privatvermögen und, im Falle Kanadas, einer schwachen Nachfrage aus den Vereinigten Staaten gegenüber. Nach vielen Jahren mit einer umsichtigen Fiskalpolitik und konservativeren Regulierung des Finanzsystems waren diese Länder jedoch besser positioniert als andere fortgeschrittene Volkswirtschaften, um einen weiteren Nachfragerückgang abfedern zu können.

Schwellenländer

Die Schwellenmärkte Europas wurden vom Rückgang der globalen Bruttogeldströme und von der Risikoflucht schwer getroffen. Viele Länder in der Region stützten sich stark auf Kapitalzuflüsse westlicher Banken, um den Kreditboom vor Ort aufrechtzuerhalten. Es gab starke innereuropäische, grenz-überschreitende Risikopositionen bei den Banken, und viele Banken in den Schwellenländern Europas gehörten notleidenden ausländischen Finanzinstitutionen. Die Lage verschlechterte sich im Herbst 2008 dramatisch, als die Aufschläge auf Staatsanleihen allgemein hochschnellten und die Wechselkurse in Ländern mit flexiblen Regimen stark abwerteten. Die Kombination aus sinkender Importnachfrage in fortgeschrittenen Märkten, Zusammenbruch der Immobilienpreise, begrenztem Zugang zu Krediten und Devisenabwertungen im Verein mit erheblichen Diskrepanzen in den Bilanzen führte in manchen Ländern zu einer sehr harten Landung, wenn nicht gar zu voll ausgewachsenen Krisen. Angesichts schrumpfender Export- und Produktionszahlen sowie Staatseinnahmen erhielt eine Anzahl von Ländern vom IWF und anderen internationalen Finanz-institutionen Hilfe zur Stützung ihrer Zahlungsbilanz.

Länder in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) erlebten im vergangenen Jahr den stärksten Rückschlag. Die Volkswirtschaften der GUS wurden von drei schweren Schocks getroffen: die Auslandsfinanzierung wurde eingestellt oder stark gedrosselt, die Nachfrage auf den GUS-Exportmärkten sank, und die Rohstoffpreise, vor allem für Energie, brachen zusammen. Die Finanzsysteme in mehreren GUS-Ländern waren sehr offen und anfälliger für Finanzturbulenzen im Ausland. Nach Jahren starken Wachstums wird erwartet, dass die Produktion 2009 voraussichtlich um mehr als 5 Prozent zurückgeht. Die Inflation ließ wegen der Pass-Through-Effekte der Abwertung nicht so stark nach wie in anderen Schwellenmärkten. Die Auswirkung schwächerer Währungen wurde zu einer starken Belastung für Nichtfinanzunternehmen in GUS-Ländern, die Kredite in Fremdwährung aufgenommen hatten, und erforderte massive Einschnitte bei Investitionen und Beschäftigung.

Lateinamerika litt unter denselben drei Schocks wie die GUS-Länder. Insgesamt fielen die Auswirkungen jedoch weniger schwerwiegend aus als in Europa, weil Unternehmens- wie Staatsbilanzen relativ stark waren, die Finanzsysteme auf der Passivseite den Bankensystemen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften nicht so stark ausgesetzt waren und mehrere große Wirtschaftsnationen den Wechselkurs zur Abfederung der Schocks nutzen konnten. Die Finanzkrise führte Ende 2008 dennoch zu einem Ausverkauf an den Aktienmärkten, zu einem Hochschnellen der Finanzierungskosten und einem Anstieg der Spreads auf Industrie- und Staatsanleihen. Kapitalflüsse trockneten aus und inländische Währungen verloren in Ländern mit flexiblen Wechselkursregimen drastisch an Wert. Kurze Zeit später folgten darauf die Verlangsamung des Kreditwachstums und der Zusammenbruch von Industrieproduktion und Exporten. Die Länder Mittelamerikas und der Karibik waren zusätzlich von einem dramatischen Rückgang des Fremdenverkehrs und der damit verbundenen Zahlungseingänge und Überweisungen an die Region getroffen, und mehrere Länder in Mittelamerika und der Karibik baten den IWF und andere internationale Finanzinstitutionen um Unterstützung.

Der starke Rückgang der Ölpreise im GJ 2009 hatte beträchtliche Auswirkungen auf die Volkswirtschaften im Nahen Osten und in Südamerika. Andere Länder waren von Rückgängen in Export, Fremdenverkehr, Überweisungen und ausländischen Direktinvestitionen betroffen. Mit der Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Bedingungen und einer Umkehr der Kapitalflüsse gingen mehrere Kapital- und Immobilienmärkte zurück. Mit dem Ziel, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, wurden zügig hohe staatliche Ausgabenprogramme eingeführt, die durch die großen, während der Boomzeiten angewachsenen Puffer finanziert wurden.

Einkommensschwache Länder

Obwohl die finanziellen Verknüpfungen zwischen einkommensschwachen Ländern (vor allem in den Ländern Afrikas südlich der Sahara) und den fortgeschrittenen Volkswirtschaften relativ begrenzt sind, konnten sich nur wenige Länder dem wirtschaftlichen Unwetter entziehen. Die Nachfrage nach Exporten ließ nach und die Lage wurde verschärft durch einen Preisrückgang für die meisten Waren aus einkommensschwachen Ländern. Einerseits half die rückgängige Entwicklung der Rohstoffpreise die Inflation zu reduzieren und hatte sie ausgleichende Terms-of-Trade-Effekte. Während die Preise für Rohstoffexporte sanken, gingen auch die Preise für Rohstoffimporte wie Nahrungsmittel und Treibstoff zurück und sorgten oft für einen Anstieg des Realeinkommens unter den ärmsten Teilen der Bevölkerung

Andererseits verursachten aber der Rückgang von Geldanweisungen, strengere globale Kreditkonditionen und niedrigere Direktinvestitionen des Auslands eine Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Positionen. Die Haushaltsposition in den einkommensschwachen Ländern schwächte sich insgesamt ab, was hauptsächlich auf eine große Pendelbewegung in den Haushaltsbilanzen einiger ölexportierender Länder zurückzuführen ist. In anderen Ländern hatten schwächere Haushaltspositionen generelle Gründe und wurden im Rahmen von IWF-Vereinbarungen gestützt. Die politischen Entscheidungsträger ergriffen Maßnahmen zur Beibehaltung der makroökonomischen Stabilität und Wahrung der hart errungenen Siege, die in den letzten Jahren in der Armutsbekämpfung erzielt wurden. Als jedoch die Mittel zur Deckung außenwirtschaftlicher Defizite knapper wurden, suchten die Länder mit engen innenwie außenwirtschaftlichen Finanzierungszwängen zusätzliche Unterstützung von Geberorganisationen.

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